Soziale Marktwirtschaft
Soziale Marktwirtschaft ist ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Leitbild mit dem Ziel, ?auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden?.Alfred Müller-Armack: Wirtschaftsordnung und Wirtschaftpolitik, Bern, 1976, S. 245. Ursprünglich ein Wahlkampfslogan, wurde sie von Ludwig Erhard, der bei den wirtschaftstheoretischen Vorarbeiten beteiligt war, umgesetzt und prägte die Wirtschafts- und Sozialpolitik der frühen Bundesrepublik wesentlich.Herbert Giersch: Die offene Gesellschaft und ihre Wirtschaft. Murmann Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-938017-32-5, S. 63.
Die Bezeichnung geht zurück auf Alfred Müller-Armack, der in diesem Leitbild Elemente des deutschen Neoliberalismus (insbesondere Ordoliberalismus, Soziologischer Liberalismus) und der Christlichen Soziallehre verband. Sie wurde von einigen Autoren als ?Dritter Weg? zwischen Kapitalismus und Sozialismus bezeichnet, andere Autoren grenzen sie ausdrücklich von so genannten ?Dritten Wegen? ab.So zum Beispiel Alfred Schüller, der Freie Marktwirtschaft und Soziale Marktwirtschaft als Formen des Ersten Weges der zentral geplanten Sozialverwaltungswirtschaft als Zweiten Weg und dem Marktsozialismus (wozu Schüller auch den Wohlfahrtsstaat zählt) schließlich als Dritten Weg gegenüber stellt. Schüller verweist dabei auf Wilhelm Röpke, der sich von der Bezeichnung als Dritter Weg nachdrücklich distanzierte. Alfred Schüller, Soziale Marktwirtschaft und Dritte Wege, in ORDO ? Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band 51, Lucius & Lucius, Stuttgart, 2000, Seite 169-202
Der Begriff Soziale Marktwirtschaft hat sich als Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland durchgesetzt und sich dabei als so vieldeutig wie beständig erwiesen.Hans-Rudolf Peters, Wirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000. ISBN 3-486-25502-9 S.47 Der Begriff wurde ? 1949-1966 und wieder 1982-1998 ? zur Richtschnur der Regierungspolitik erhoben, die reale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entsprach den Prinzipien des Erhardschen Leitbildes nur annähernd.Martin Greiffenhagen, Sylvia Greiffenhagen (Hrsg.): Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Westdeutscher Verlag, 2. Aufl., 2002, S. 553f. Die Soziale Marktwirtschaft wurde im Staatsvertrag von 1990 zwischen der Bundesrepublik und der DDR als gemeinsame Wirtschaftsordnung für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vereinbart.Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (Staatsvertrag) vom 18. Mai 1990, Kapitel 1, Artikel 1, Absatz 3 Vertragstext.Otto Schlecht, Grundlagen und Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Mohr Siebeck 1990, S. 182 ff.
Begriff
Entstehung
Alfred Müller-Armack verwendete die Wortverbindung erstmals in seinem 1947 erschienenen Buch ?Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft? (geschrieben 1946).Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft, Haupt Verlag, Bern 2000, S. 44. Müller-Armack legte darin den durch diese Begriffsschöpfung repräsentierten theoretischen Entwurf einer ?dritten Form? neben rein liberaler Marktwirtschaft und Wirtschaftslenkung in seinen Grundzügen dar. Er wählte diesen Ausdruck als Bezeichnung für die Idee einer zukünftigen Wirtschaftsordnung des vom Krieg zerstörten Deutschlands, bei der der Markt zwar das ?tragende Gerüst? darstelle, aber ?eine bewusst gesteuerte, und zwar sozial gesteuerte Marktwirtschaft? sein solle.Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, Hamburg, 1947, Seite 88. Den Versuch, ?das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden?, bezeichnete er als ?irenische Formel?.Alfred Müller-Armack, Soziale Marktwirtschaft, 1956, S. 390 Für Ludwig Erhard hingegen war der Ausdruck ein Pleonasmus, denn für ihn war ?der Markt an sich sozial? und brauchte nicht erst sozial gemacht zu werden.Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard : der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft. München, Siedler, 2005, ISBN 3-88680-823-8, Seite 59. Allerdings nutzte Erhard die Integrationswirkung zu Gunsten einer insgesamt marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, die sich mit diesem Etikett in einem umstrittenen politischen Umfeld nach dem Zweiten Weltkrieg erzielen ließ.Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, München: Oldenbourg, 2000. - ISBN 3-486-25502-9. S. 171.
Verbreitung
Zunächst wurde der Ausdruck kaum verwendet.Martin Wengeler, Tiefensemantik ? Argumentationsmuster ? Soziales Wissen: Erweiterung oder Abkehr von begriffsgeschichtlicher Forschung? in Ernst Müller, Begriffsgeschichte im Umbruch? Band 2004 von Archiv für Begriffsgeschichte, Meiner Verlag, 2005, ISBN3787316930, Seite 136Karin Böke, Frank Liedtke, Martin Wengeler, Politische Leitvokabeln in der Adenauer-Ära, Band 8 von Sprache, Politik, Öffentlichkeit, Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-014236-8, Seite 396 ff Erst 1949 wurde der Begriff durch die Düsseldorfer Leitsätze, die als Wahlprogramm der CDU für die erste Bundestagswahl der Bundesrepublik Deutschland fungierten, als Selbstbezeichnung der Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard und der CDU einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Das neue wirtschaftspolitische Schlagwort ?Soziale Marktwirtschaft?, das von der CDU in Opposition zu ?unsozialer Planwirtschaft? gesetzt wurde, war anfangs umstritten. Von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Seite, zum Teil aber auch vom Arbeitnehmer-Flügel der CDU, wurde die Wortverbindung als Euphemismus und als rein propagandistisches Schlagwort kritisiert. Von unternehmerischer und wirtschaftsliberaler Seite wurde befürchtet, dass mit dem Attribut ?sozial? Erwartungen geweckt würden, die dem wirtschaftlichen Fortschritt oder der deutschen Wettbewerbsfähigkeit entgegen stünden.Georg Stötzel, Martin Wengeler, Karin Böke, Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland, Band 4 von Sprache, Politik, Öffentlichkeit, Walter de Gruyter, 1995, ISBN 3-11-014106-X, Stichwort ?Soziale Marktwirtschaft? Die vielfältige Sprachkritik konnte allerdings nicht den politischen Erfolg des Schlagworts verhindern, mit dem vor allem in den 1950er Jahren Wahlkämpfe bestritten und gewonnen wurden.
Übernahme durch die SPD und breite Akzeptanz
Die SPD vermied zunächst konsequent die Verwendung dieses Fahnenwortes und versuchte den Konkurrenzbegriff des ?demokratischen Sozialismus? entgegen zu setzen, obwohl sie, insbesondere im Godesberger Programm 1959, zunehmend Elemente des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft übernahm.Karin Böke, Frank Liedtke, Martin Wengeler, Politische Leitvokabeln in der Adenauer-Ära, Band 8 von Sprache, Politik, Öffentlichkeit, Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-014236-8, Seite 396 ff
Erst seit den 1990er Jahren verwendet auch die SPD den Ausdruck in ihren programmatischen Schriften.Martin Nonhoff, Hegemonieanalyse: Theorie, Methode und Forschungspraxis, in Reiner Keller (Hsg), Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse 2: Forschungspraxis, Band 2, Ausgabe 3, VS Verlag, 2008, ISBN 3-531-15878-3, Seite 327 Eine positive Bezugnahme auf Soziale Marktwirtschaft ist seitdem über die politischen Grenzen hinweg weit verbreitet.Georg Stötzel, Martin Wengeler, Karin Böke, Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland, Band 4 von Sprache, Politik, Öffentlichkeit, Walter de Gruyter, 1995, ISBN 3-11-014106-X, Stichwort ?Soziale Marktwirtschaft?
Bedeutungsspektrum
Die allgegenwärtige Bezugnahme auf den Begriff Soziale Marktwirtschaft bedeutet jedoch keineswegs, dass sich alle darin einig sind, was unter Sozialer Marktwirtschaft zu verstehen ist.Martin Nonhoff, Politischer Diskurs und Hegemonie: das Projekt ?Soziale Marktwirtschaft?, transcript Verlag, 2006, ISBN 3-89942-424-7, Seite 10 Das Bedeutungsspektrum reicht vom geschlossenen ordnungspolitischen Konzept über den offenen, dynamischen Charakter einer Kompromissformel, unter der sich unterschiedliche Akzentuierungen subsumieren lassen, bis zur Bewertung als Leerformel ohne eigene Bedeutung.
So sind weite Teile der ordoliberal inspirierten Wirtschaftswissenschaft der Auffassung, dass Soziale Marktwirtschaft eine bestimmte Bedeutung hatte, aber heute zur Leerformel geworden sei und propagieren eine ?Rückbesinnung auf die Grundprinzipien?.Nonhoff, 2006, Seite 45 f.
Oft wird aber auch, etwa von Knut Borchardt oder Roland Sturm, die Auffassung vertreten, dass sich ?Soziale Marktwirtschaft? nicht auf eine eigentliche Bedeutung reduzieren lasse. Vielmehr müsse sie als das sich stets weiter entwickelnde Ergebnis eines dynamischen Prozesses gedacht werden.Nonhoff, 2006, S. 46 Aufgrund der Pluralität der Ursprünge - Müller-Armacks ursprüngliche Konzeption in ?Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft?, Erhards Vorstellungen und die der CDU in den Düsseldorfer Leitsätzen - sei eine definitive Ursprungsbegründung nicht möglich.Rudolf Walther: "Exkurs: Wirtschaftsliberalismus" (Art. "Liberalismus"), in: Brunner/Conze/Koselleck: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3, Stuttgart 1982. Demnach handele es sich bei ?Sozialer Marktwirtschaft? nicht bloß in ihrer heutigen Form, sondern auch nach ihrer ursprünglichen Interpretation um einen politischen und politisch interpretierten Begriff.Nonhoff, 2006, Seite 45 f., 84.
Nach Hans-Hermann Hartwich ist das Verständnis der Sozialen Marktwirtschaft durch eine im politischen Diskurs herbeigeführte Vermengung des theoretischen, in sich geschlossenen Konzepts ?Soziale Marktwirtschaft? mit der populären, aber völlig unverbindlichen Vorstellung einer ?sozialen Marktwirtschaft? geprägt.
Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland
Seit den 50er Jahren hat sich der Begriff Soziale Marktwirtschaft auch als Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland eingebürgert.Vgl. Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000. ISBN 3-486-25502-9 S.47 Die Wirtschaftspolitik der verschiedenen Bundesregierungen orientierte sich allerdings in der Praxis an wechselnden politischen Zielvorstellungen. Nicht allen Autoren ist der Begriff Soziale Marktwirtschaft hierfür trennscharf genug.Manfred G. Schmidt, Das politische System Deutschlands: Institutionen, Willensbildung und Politikfelder, Band 1721 von Beck'sche Reihe, C.H.Beck Verlag, 2007, ISBN 3-406-54737-0, Seite 367Vgl. (aber) auch Thomas Meyer: Theorie der Sozialen Demokratie, 2006, S. 276. Insbesondere um die entstandene korporative oder koordinierte Marktwirtschaft von den angelsächsischen Wirtschaftsordnungen abzugrenzen, hat Michel Albert 1991 den Begriff ?Rheinischer Kapitalismus? eingeführt.Y?ichi Shionoya: The German historical school: the historical and ethical approach to economics, Routledge, 2001, S.199.Vgl. ferner Werner Abelshauser: The dynamics of German industry: Germany's path toward the new economy and the American challenge, Band 6 von Making sense of history, Berghahn Books, 2005, S. 78.
Soziale Marktwirtschaft als Leitbild
Theoretische Grundlagen
Konzeptionell basiert die Soziale Marktwirtschaft im Sinne von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard wesentlich auf Ideen, die von einer Reihe von Wissenschaftlern schon vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und unter dem Begriff Neoliberalismus zusammengefasst wurden. Für Deutschland nahm innerhalb dieser Richtung die Freiburger Schule (siehe Ordoliberalismus) eine besondere Rolle ein. Als ?Gründerväter? der Sozialen Marktwirtschaft gelten neben Erhard und Müller-Armack noch Walter Eucken, Franz Böhm, Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke. Alle ?Gründerväter? stimmten darin überein, dass Marktwirtschaft an sich sozial sei, weil sie die Produktion nach den Wünschen der Verbraucher steuere, das Sozialprodukt gemäß der wirtschaftlichen Leistung des Einzelnen verteile, die Produktivität steigere und dadurch höhere Reallöhne ermögliche.
Als der theoretische Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft gilt Walter Eucken.Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk: Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8Nils Goldschmidt: Soziale Marktwirtschaft: Was Erhard wirklich wollte. In: fr-online.de (Hrsg.): Was Erhard wirklich wollte Eucken entwickelte die Grundprinzipien einer Wettbewerbsordnung, die Effizienz und Freiheit durch das ungehinderte Wirken des Wettbewerbsprozesses garantiert.Heiko Körner: Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis-Verl., 2007. - ISBN 3-89518-594-9. S. 23f. Die konstituierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung sind für Eucken ein funktionsfähiges Preissystem, Primat der Währungspolitik, Freier Zugang zu den Märkten, Privateigentum an Produktionsmitteln, Vertragsfreiheit, Haftungsprinzip und eine Konstanz der Wirtschaftspolitik.Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. 3., vollst. überarb. und erw. Aufl. München: Oldenbourg, 2000. - ISBN 3-486-25502-9. S. 151f. Eine daraufhin ausgerichtete Politik müsse die Zusammengehörigkeit der konstituierenden Prinzipien einer solchen Wettbewerbsordnung beachten, ebenso die Interdependenz der Wirtschaftsordnung mit den anderen Lebensbereichen. In der Sozialen Marktwirtschaft, wie sie Ludwig Erhard durchgeführt hat, wurden die von Eucken aufgestellten Leitlinien beispielhaft umgesetzt.Horst Friedrich Wünsche: Soziale Marktwirtschaft als Politik zur Einführung von Marktwirtschaft. In Ludwig Erhard-Stiftung (Hrsg.): Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft, Band 3: Marktwirtschaft als Aufgabe. Gustav Fischer 1994. ISBN 3-437-40331-1 S.25 Die wichtigste wirtschaftspolitische Aufgabe des Staats war für Eucken, wirtschaftliche Machtkonzentrationen durch Monopole, Kartelle und andere Formen der Marktbeherrschung zu verhindern, ebenso problematisch sei staatliche Monopolmacht.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk: Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen: Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 20f. Breiten Raum widmet Eucken den Fragen sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Richtig verstandene Sozialpolitik ist für Eucken in einer Ordnungspolitik aufgehoben, die den Individuen Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 21f.Heiko Körner: Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis-Verlag 2007. ISBN 3-89518-594-9. S. 18
Allgemeine Gestaltungsmerkmale
Die Soziale Marktwirtschaft basiert auf den Gestaltungselementen der freien Marktwirtschaft. Zugleich soll staatliche Wettbewerbspolitik den Wettbewerb sichern und private Marktmacht (Monopole, Kartelle) nach Möglichkeit verhindern. Der Grundgedanke besteht darin, dass die Marktwirtschaft ihre wohlstandsmehrende wie koordinierende Funktion nur entfalten könne, wenn sie durch eine strenge staatliche Ordnungspolitik auf den Wettbewerb verpflichtet werde.
Zu ihren Gestaltungselementen gehören freie Preisbildung für Güter und Leistungen am Markt, Privateigentum an Produktionsmitteln und Gewinnstreben als Leistungsanreiz. Durch die Schaffung eines rechtlichen Rahmens sollen die persönlichen Freiheitsrechte, wie Gewerbe-, Konsum-, Vertrags-, Berufs- und Koalitionsfreiheit gewährleistet werden. Der Staat soll durch aktive Eingriffe in die Wirtschaft das Marktgeschehen ergänzen und korrigieren (zum Beispiel durch sozialpolitische, konjunkturpolitische oder arbeitsmarktpolitische Maßnahmen), wenn dies im allgemeinen Interesse für notwendig erachtet wird. Diese müssen jedoch ?marktkonform? erfolgen, das heißt, sie müssen mit der marktwirtschaftlichen Ordnung vereinbar sein und das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage am Markt nicht behindern. Art und Umfang der staatlichen Eingriffe sind jedoch nicht genau festgelegt und waren häufig Gegenstand von wissenschaftlichen wie politischen Auseinandersetzungen.
Problemfelder
Bei der Verwirklichung dieser Prinzipien gibt es fünf Problembereiche. Effizienzbedingte Monopolstellungen sollen durch ein unabhängiges Kartellamt verhindert werden.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 20 Die sich aus dem Wettbewerb ergebende Einkommensverteilung bedarf einer ordnungpolitischen Korrektur für Haushalte mit geringem Einkommen, etwa durch eine Einkommensbesteuerung mit progressivem Tarifverlauf.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 20 Ein weiteres Problemfeld ist die Sozialpolitik. Eucken widmet den Fragen sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit breiten Raum. Richtig verstandene Sozialpolitik ist für Eucken in einer Ordnungspolitik aufgehoben, die den Individuen Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 21, 22 Auf dem Arbeitsmarkt besteht ordnungspolitischer Handlungsbedarf bei einem Absinken des Lohnes unterhalb des Existenzminimums und bei Arbeitslosigkeit. Diese Probleme seien zwar weitgehend durch optimalen Wettbewerb auf Angebots und Nachfrageseite zu lösen. Unter bestimmten Umständen werden aber Mindestlöhne befürwortet. Gewerkschaften erfüllen eine wichtige Funktion, wenn sie die Ungleichheit der Marktpositionen der Arbeiter und Unternehmer ausgleichen.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 22, 23 In der Umweltpolitik wird staatliches Eingreifen als notwendig angesehen, um die externen Effekte zu begrenzen.Lüder Gerken, Andreas Renner: Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens. In: Lüder Gerken (Hrsg.): Walter Eucken und sein Werk : Rückblick auf den Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Tübingen : Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147503-8. S. 23
Alfred Müller-Armack
Müller-Armack sah die Soziale Marktwirtschaft als eine dritte Form neben der rein liberalen Marktwirtschaft und der Lenkungswirtschaft: ?Wir sprechen von ?Sozialer Marktwirtschaft?, um diese dritte wirtschaftspolitische Form zu kennzeichnen. Es bedeutet dies, dass uns die Marktwirtschaft notwendig als das tragende Gerüst der künftigen Wirtschaftsordnung erscheint, nur dass dies eben keine sich selbst überlassene liberale Marktwirtschaft, sondern eine bewusst gesteuerte, und zwar sozial gesteuerte Marktwirtschaft sein soll?.
Alfred Müller-Armack: Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft. Hamburg: Verl. f. Wirtschaft u. Sozialpolitik, 1947. S. 88.
Der richtungsweisende Sinn der Sozialen Marktwirtschaft sei es, ?das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu verbinden?.Alfred Müller-Armack: Soziale Marktwirtschaft. In: Erwin von Beckerath, Hermann Bente, Carl Brinkmann et. al. (Hrsg.): Handwörterbuch der Sozialwissenschaften: Zugleich Neuauflage des Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Stuttgart: Fischer, 1956 (Band 9). S. 390. Die genaue Ausgestaltung dieses Leitbilds hatte er zunächst bewusst offen gelassen, da er der Meinung war, dass sich Rahmenbedingungen verändern können und dass sich ein Wirtschaftssystem daran dynamisch anpassen müsse.
Müller-Armack befürwortet ?soziale Interventionen? des Staates, sofern sie ?dem Grundsatz der Marktkonformität unterworfen werden?,Zitiert nach Dieter Cassel (Hrsg.); Thomas Apolte (Hrsg.): 50 Jahre soziale Marktwirtschaft : ordnungstheoretische Grundlagen, Realisierungsprobleme und Zukunftsperspektiven einer wirtschaftspolitischen Konzeption. Stuttgart: Lucius und Lucius, 1998. - ISBN 3-499-17240-2 S. 105. das heißt, dass nur solche politischen Maßnahmen ergriffen werden, ?die den sozialen Zweck sichern, ohne störend in die Marktapparatur einzugreifen?.Alfred Müller-Armack: Soziale Marktwirtschaft. In: Erwin von Beckerath, Hermann Bente, Carl Brinkmann et. al. (Hrsg.): Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. Zugleich Neuauflage des Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Stuttgart: Fischer, 1956 (Band 9).
Ingo Pies kommt zu der Auffassung, dass laut Müller-Armack sehr genau angegeben werden könne, was die Politik nicht tun soll. Aber in positiver Hinsicht könne dieses Prinzip nur die Auswahl des Verfahrens politischer Intervention, nicht jedoch den Grad seiner Anwendung anleiten.Ingo Pies: Ordnungspolitik in der Demokratie: ein ökonomischer Ansatz diskursiver Politikberatung. Tübingen: Mohr Siebeck, 2000. - ISBN 3-16-147507-0. S. 74. Vgl. auch Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. 3., vollst. überarb. und erw. Aufl. München: Oldenbourg, 2000. - ISBN 3-486-25502-9. S. 165. Heiko Körner vertritt die Ansicht, dass Müller-Armack ?keine konkreten Aussagen über Prinzipien und Elemente einer ?marktkonformen Sozialpolitik gemacht habe und ?jeder Interpret dieses 'deutungsoffenen Leitbildes' die seinen Interessen und politischen Präferenzen entsprechende Gewichtung? im Spannungsfeld von wirtschaftlicher Effizienz einerseits und sozialer Gerechtigkeit andererseits vornehmen könne.Heiko Körner: Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis-Verl., 2007. - ISBN 3-89518-594-9. S. 23f. Friedrun Quaas sieht als ?durchgängigen Zug der Arbeiten von Müller-Armack das Verhältnis zwischen freiheitlichem und sozialem Element als dialektisches Verhältnis?, das heißt als eine ?Integrationsformel zur Vermittlung von Gegensätzen?.Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Haupt, Bern 2000, S. 55f.
Den Mitte der 1960er Jahre einsetzenden Ausbau des Sozialstaats kritisierten Müller-Armack und andere namhafte Vertreter der Sozialen Marktwirtschaft als ?sozialpolitische Überfrachtung?.Jörg Althammer: Soziale Marktwirtschaft im Globalisierungsdruck. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Metropolis, Marburg 2007. - ISBN 978-3-89518-594-6. S. 197.
Ludwig Erhard
Für Ludwig Erhard, dem sogenannten ?Vater der Sozialen Marktwirtschaft?, war der Ausdruck Soziale Marktwirtschaft ein Pleonasmus, denn für ihn war der Markt an sich sozial und brauchte nicht erst sozial gemacht zu werden. Erhard konkretisierte diesen Gedanken noch, indem er betonte
{{Zitat|Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch.
Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard : der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft. München : Siedler, 2005 (Biografie). - ISBN 3-88680-823-8. S. 59.}}
Die Marktwirtschaft war nach Erhard an sich bereits sozial, ?weil die Bürger nicht auf Zuweisungen des Staates, auf das Wohlwollen von Parteien, auf die Bevormundung durch Organisationen oder auf die fürsorgende Einvernahme von Volksgemeinschaften angewiesen sind?.Hans D. Barbier: Soziale Marktwirtschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2005, S. 13 Im Ergebnis nehme in einer ordnungspolitisch richtig gesteuerten Marktwirtschaft mit zunehmendem Wohlstand der Bedarf an klassischer Sozialpolitik immer mehr ab.Richard Reichel: Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat und liberale Wirtschaftsordnung. In: Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg (Hrsg.): Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, Sonderheft 2 (1988) S. 83-92. Online: ''Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat und liberale Wirtschaftsordnung'', abgelesen am 09-04-19. S. 7
Für Erhard ist die Erhaltung des freien Wettbewerbs eine der wichtigsten Aufgaben des auf einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung beruhenden Staats.Zum Beispiel schreibt Erhard, dass ein auf Verbot gegründetes Kartellgesetz das unentbehrliche ?wirtschaftliche Grundgesetz? sei. Versage der Staat auf diesem Felde, dann sei es auch bald um die Soziale Marktwirtschaft geschehen. Dieses Prinzip zwinge dazu, keinem Staatsbürger die Macht einzuräumen, die individuelle Freiheit zu unterdrücken oder sie namens einer falsch verstandenen Freiheit einschränken zu dürfen. Vgl.: Ludwig Erhard, Wolfram Langer (Bearb.): Wohlstand für alle. Düsseldorf: Econ, 1957. S. 9
Von großer Bedeutung ist ebenfalls die Sicherung des Geldwerts, insbesondere durch eine unabhängige Zentralbank. Für Erhard ist die Soziale Marktwirtschaft ohne eine konsequente Politik der Preisniveaustabilität nicht denkbar. Nur diese Politik würde gewährleisten, dass sich nicht einzelne Bevölkerungskreise zu Lasten anderer bereichern.Ludwig Erhard, Wolfram Langer (Bearb.): Wohlstand für alle. Düsseldorf: Econ, 1957. S. 15
Zur Gewährleistung des effizienten Einsatzes des Produktivkapitals gehört neben dem Recht auf Privateigentum auch die Haftung. Die Eigentümer von Produktivkapital sollen sich nicht nur die Gewinne aneignen, sondern auch die volle Haftung für getroffene Fehlentscheidungen tragen.Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft: Konzeption - Entwicklung - Zukunftsaufgaben. 6., überarb. Aufl. Ludwigsburg: Verl. Wiss. und Praxis, 1994. - ISBN 3-928238-38-8. Online: [http://www.juergen-paetzold.de/einfuerung_mawi/2_MAWI.html#ordoliberale%20Schule Soziale Marktwirtschaft], abgelesen am 19. April 2009
Als die Gewerkschaften noch eine umfassende ?Neuordnung der Wirtschaft? (Münchener Grundsatzprogramm von 1949) mit dem Kernelement der wirtschaftlichen Mitbestimmung forderten, erklärte Erhard 1949, es müsse eine saubere Trennlinie gezogen werden: Mitwirkung sei ein Element der freien Marktwirtschaft, Mitbestimmung hingegen gehöre in den Bereich der Planwirtschaft.In: Allgemeine Kölnische Rundschau (vom 27./28 Dezember). Zitiert nach: Georg Stötzel, Martin Wengeler: Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: de Gruyter, 1995. - ISBN 3-11-014106-X. S.57
In seine Regierungszeit als Wirtschaftsminister fielen auch politische Entscheidungen wie die Unternehmensmitbestimmung (Montan-Mitbestimmungsgesetz 1951) und die umlagefinanzierte Rentenreform (Rentenreform 1957) die er nur unter Bedenken mittrug.
Im Jahre 1974 erklärte Ludwig Erhard die Epoche der Sozialen Marktwirtschaft sei längst beendet, die aktuelle Politik sah er von seinen Vorstellungen von Freiheit und Selbstverantwortung weit entfernt.Richard Reichel: Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat und liberale Wirtschaftsordnung. In: Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg (Hrsg.): Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, Sonderheft 2 (1988) S. 83-92. Online: ''Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat und liberale Wirtschaftsordnung'', abgelesen am 09-04-19. S. 9
Das Leitbild in der Diskussion
Heinz Grossekettler weist darauf hin, dass der Ausdruck Soziale Marktwirtschaft oft als Marktwirtschaft mit starker Umverteilungskomponente begriffen wird. Dies hätten ihre theoretischen Begründer aber nicht im Sinn gehabt.Heinz Grossekettler: Strategien zur Implementation und Stabilisierung einer Wirtschaftsordnung: das Beispiel der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. In: Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Münster (Hrsg.): ''Strategien zur Implementation und Stabilisierung einer Wirtschaftsordnung'', abgelesen 09-04-19. S. 2.
Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland
Phase der Dominanz des Ordoliberalismus (1948-1966)
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten sozialistische Vorstellungen die Parteiprogramme der SPD, die den ?freiheitlichen Sozialismus? anstrebte, als auch der CDU, die einen ?christlichen Sozialismus? propagierte. Gemeinsame Überzeugung war, dass der Wiederaufbau nur mit verstaatlichten Schlüsselindustrien und zentraler Lenkung möglich sein würde. Der parteilose Ludwig Erhard, damals Direktor des Zweizonen-Wirtschaftsrates, setzte die Soziale Marktwirtschaft gegen diesen Zeitgeist durch. Er verfügte in unmittelbarem Zusammenhang mit der Währungsreform durch die Alliierten am 20. Juni 1948 schlagartig eine Freigabe der Preise (?Leitsätzegesetz?), diese beiden Ereignisse markieren den Beginn der Sozialen Marktwirtschaft. Die 1950er Jahre waren geprägt von wirtschaftlichen Erfolgen: durchschnittlich 8 % Wirtschaftswachstum, Abbau der Arbeitslosigkeit, Preisstabilität und ein Anstieg der Arbeitnehmereinkommen im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik um circa 80 %. Die von Erhard als Zielsetzung ausgegebene Botschaft ?Wohlstand für alle? (die er auch als Buchtitel benutzte) schien in absehbarer Zeit erreichbar.Martin Greiffenhagen: Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Westdt. Verl., 2002. - ISBN 3-531-13209-1. S. 556. Den viel zitierten Ausdruck ?Wirtschaftswunder? lehnte Erhard selbst jedoch ab. Er hielt die wirtschaftlichen Erfolge für kein Wunder, sondern für ?die Konsequenz der ehrlichen Anstrengung eines ganzen Volkes, das nach freiheitlichen Prinzipien die Möglichkeit eingeräumt erhalten hat, menschliche Initiative, menschliche Energien wieder anwenden zu dürfen?.Eckhard Mieder: Die Geschichte Deutschlands nach 1945. Frankfurt (M.): Campus, 2002. - ISBN 3-593-36908-7. S. 68
Zu den wichtigsten ordnungspolitischen Weichenstellungen in der ersten, ordoliberalen Phase der Sozialen Marktwirtschaft (1948?1966) gehören die Verankerung der Tarifautonomie durch das Tarifvertragsgesetz von 1949, die Regelung der betrieblichen Mitbestimmung (in sozialen und personellen Fragen) und Mitwirkung (in wirtschaftlichen Fragen) der Arbeitnehmer durch das Betriebsverfassungsgesetz (1952), das Bundesbankgesetz von 1957, welches der Deutschen Bundesbank die Preisniveaustabilität als Ziel vorgab, sowie das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen 1958.Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft : Konzeption - Entwicklung - Zukunftsaufgaben. 6., überarb. Aufl Ludwigsburg: Verl. Wiss. und Praxis, 1994. - ISBN 3-928238-38-8. Online: Entwicklungsphasen der Sozialen Marktwirtschaft, abgelesen 09-04-19.
Die gewerkschaftliche Konzeption zur Neuordnung der Wirtschaft mit ihrem Kernelement der wirtschaftlichen Mitbestimmung und die ordoliberale Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft standen sich in der ersten Dekade der Bundesrepublik diametral gegenüber.Walther Müller-Jentsch: Arbeit und Bürgerstatus: Studien zur sozialen und industriellen Demokratie. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2008. - ISBN 978-3-531-16051-1. S. 196.
Phase der Globalsteuerung (1967-1982)
Nach der Phase des Ordoliberalismus begann eine Phase des Interventionismus im Sinne einer keynesianischen Globalsteuerung sowie eine Transformation der Sozialen Marktwirtschaft in einen Wohlfahrtsstaat.Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft : Konzeption - Entwicklung - Zukunftsaufgaben. 6., überarb. Aufl. Ludwigsburg: Verl. Wiss. und Praxis, 1994. - ISBN 3-928238-38-8. Online: [http://www.juergen-paetzold.de/einfuerung_mawi/2_MAWI.html#ordoliberale%20Schule Ordoliberale Schule]
Von großer Bedeutung war dabei das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz aus dem Jahre 1967, das der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller als ?prozesspolitisches Grundgesetz? bezeichnete, welches das ?ordnungspolitische Grundgesetz? (Kartellgesetz) ergänze. Mit der Verknüpfung von Ordnungs- und Prozesspolitik strebte er eine ?Symbiose aus Freiburger Imperativ und keynesianischer Botschaft? an.Christian Otto Schlecht: Leitbild oder Alibi? : Zur Rolle der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft in der praktischen Wirtschaftspolitik. In: Dieter Cassel (Hrsg.): 50 Jahre soziale Marktwirtschaft : ordnungstheoretische Grundlagen, Realisierungsprobleme und Zukunftsperspektiven einer wirtschaftspolitischen Konzeption. Stuttgart : Lucius & Lucius, 1998. - ISBN 3-8282-0057-5. S. 41.
Von 1967 bis Anfang der 1980er Jahre dominierten Vorstellungen des freiheitlichen Sozialismus, wie sie zum Beispiel in der antizyklischen Fiskalpolitik sowie in den Mitbestimmungsgesetzen zum Ausdruck kommen.Gabler Wirtschaftslexikon, Gabler Verlag (Herausgeber) Stichwort: Soziale Marktwirtschaft
Phase der Dominanz der Ordnungspolitik und der Angebotsorientierung (1983-1989)
Als weitere Phasen gelten die der Wiederentdeckung der Ordnungspolitik (Beginn der 1980er Jahre bis 1990) sowie die Phase der deutschen Einheit seit 1990.Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft : Konzeption - Entwicklung - Zukunftsaufgaben. 6., überarb. Aufl Ludwigsburg: Verl. Wiss. und Praxis, 1994. - ISBN 3-928238-38-8. Online: Entwicklungsphasen der Sozialen Marktwirtschaft, abgelesen am 09-04-19.
Phase der deutschen Einheit (Ab 1990)
Als Bezeichnung für die gemeinsame Wirtschaftsordnung beider Vertragsparteien taucht der Begriff ?Soziale Marktwirtschaft? im Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion (Staatsvertrag) vom 18. Mai 1990 auf. Sie wird insbesondere bestimmt durch Privateigentum, Leistungswettbewerb, freie Preisbildung und grundsätzlich volle Freizügigkeit von Arbeit, Kapital, Gütern und Dienstleistungen (Artikel 1, Absatz 3).Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (Staatsvertrag) vom 18. Mai 1990, Kapitel 1, Artikel 1, Absatz 3
Vertragstext.Otto Schlecht, Grundlagen und Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Mohr Siebeck 1990, S. 182 ff.
Literatur
Wirtschaftstheoretisches Modell
- Primärliteratur
- {{Literatur
| Autor= | Titel=Die protestantischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft. Ein Quellenband | Herausgeber=Günter Brakelmann und Traugott Jähnichen | Sammelwerk= | Verlag= | Ort=Gütersloh | Jahr=1994 | Seiten=
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- Ludwig Erhard, Wolfram Langer (bearb.): Wohlstand für alle. Köln: Anaconda, 2009. - ISBN 978-3-86647-344-7. Online: (8. Auflage 1964, PDF).
- {{Literatur
| Autor=Alfred Müller-Armack | Titel=Soziale Marktwirtschaft | Herausgeber= | Sammelwerk=Handwörterbuch der Sozialwissenschaften | Band=9 | Verlag= | Ort=Stuttgart u.a. | Jahr=1956 | Seiten=S.390ff
}}
- {{Literatur
| Autor=Alfred Müller-Armack | Titel=Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Studien und Konzepte zur Sozialen Marktwirtschaft und zur europäischen Integration | Herausgeber= | Sammelwerk= | Verlag= | Ort=Freiburg i. Br. | Jahr=1966 | Seiten=
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- Alfred Müller-Armack: Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft. Düsseldorf: Verl. Wirtschaft und Finanzen., 1999 (Faks.-Ed. der Erstausg. Hamburg 1947). - ISBN 3-87881-135-7.
- Alfred Müller-Armack: Genealogie der sozialen Marktwirtschaft : Frühschriften und weiterführende Konzepte. 2., erw. Aufl. Bern: Haupt, 1981. ISBN 3-258-03022-7.
- {{Literatur
| Autor=Alexander Rüstow | Titel=Freie Wirtschaft ? starker Staat | Herausgeber= | Sammelwerk=Deutschland und die Weltkrise (Schriften des Vereins für Socialpolitik 187) | Verlag= | Ort=Dresden | Jahr=1932 | Seiten=
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- {{Literatur
| Autor=Alexander Rüstow | Titel=Wirtschaftsethische Probleme der sozialen Marktwirtschaft | Herausgeber=Patrick Boarman | Sammelwerk=Der Christ und die Soziale Marktwirtschaft | Verlag= | Ort=Stuttgart | Jahr=1955 | Seiten=
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- Sekundärliteratur
- Gerold Ambrosius: Die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft in Westdeutschland 1945-1949. Stuttgart: Dt. Verl.-Anst., 1977. - ISBN 3-421-01822-7.
- {{Literatur
| Autor=Winfried Becker | Titel=Die Entscheidung für eine neue Wirtschaftsordnung nach 1945. Christliche Werte in der Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards | Herausgeber=Rainer A. Roth/Walter Seifert | Sammelwerk=Die zweite deutsche Demokratie. Ursprünge, Probleme, Perspektiven | Verlag= | Ort=Köln/Wien | Jahr=1980 | Seiten=
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- Dieter Cassel (Hrsg.): 50 Jahre soziale Marktwirtschaft : ordnungstheoretische Grundlagen, Realisierungsprobleme und Zukunftsperspektiven einer wirtschaftspolitischen Konzeption. Stuttgart : Lucius & Lucius, 1998. - ISBN 3-8282-0057-5.
- Alexander Ebner: The intellectual foundations of the social market economy : theory, policy, and implications for European integration. In: Journal of economic studies 33(2006)3, p. 206-223.
- Nils Goldschmidt, Michael Wohlgemuth (Hrsg.): Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft : sozialethische und ordnungsökonomische Grundlagen. Tübingen: Mohr Siebeck, 2004. - ISBN 3-16-148296-4.
- Dieter Haselbach: Autoritärer Liberalismus und soziale Marktwirtschaft : Gesellschaft und Politik im Ordoliberalismus. Baden-Baden: Nomos, 1991 (Habil.). - ISBN 3-7890-2504-6.
- Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis-Verl., 2007. - ISBN 3-89518-594-9.
- Philipp Herder-Dorneich: Ordnungstheorie des Sozialstaates. Beiträge zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik. Tübingen: Mohr Siebeck, 1983.
- Karl Hohmann, Horst Friedrich Wünsche (Hrsg.): Grundtexte zur sozialen Marktwirtschaft: Das Soziale in der sozialen Marktwirtschaft. Lucius & Lucius DE, 1988, ISBN 3437402080
- Gerhard Kleinhenz: Sozialstaatlichkeit in der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft. In: Ders. (Hrsg.): Sozialstaat Deutschland. Lucius & Lucius, 1997, 390ff.
- {{Literatur
| Autor=Bernhard Löffler | Titel=Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard | Herausgeber= | Sammelwerk= | Verlag= | Ort=Stuttgart | Jahr=2002 | Seiten=
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- {{Literatur
| Autor=Josef Mooser | Titel=Liberalismus und Gesellschaft nach 1945. Soziale Marktwirtschaft und Neoliberalismus am Beispiel von Wilhelm Röpke | Herausgeber=Manfred Hettling/Bernd Ulrich | Sammelwerk=Bürgertum nach 1945 | Verlag= | Ort=Hamburg | Jahr=2005 | Seiten=134?163
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- {{Literatur
| Autor=Anthony J. Nicholls | Titel=Freedom with Responsibility. The Social Market Economy in Germany, 1918-1963 | Herausgeber= | Sammelwerk= | Verlag= | Ort=Oxford | Jahr=1994 | Seiten=
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- Knut Wolfgang Nörr, Joachim Starbatty, Reinhold Biskup: Soll und haben : 50 Jahre soziale Marktwirtschaft. Stuttgart: Lucius & Lucius, 1999. - ISBN 3-8282-0105-9.
- Jürgen Pätzold: Soziale Marktwirtschaft : Konzeption - Entwicklung - Zukunftsaufgaben. 6., überarb. Aufl. Ludwigsburg: Verl. Wiss. und Praxis, 1994. - ISBN 3-928238-38-8. Online: [http://www.juergen-paetzold.de/einfuerung_mawi/2_MAWI.html#ordoliberale%20Schule Soziale Marktwirtschaft], abgelesen 09-04-19.
- Ralf Ptak: Vom Ordoliberalismus zur sozialen Marktwirtschaft : Stationen des Neoliberalismus in Deutschland. Wiesbaden: VS-Verl. für Sozialwiss., 2005. - ISBN 3-8100-4111-4.
- Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft : Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Bern, Stuttgart, 2000. - ISBN 3-258-06012-6.
- Siegfried Rauhut: Soziale Marktwirtschaft und parlamentarische Demokratie. Eine institutionenökonomische Analyse der politischen Realisierungsbedingungen der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft. Berlin: Duncker und Humblot, 2000
- Otto Schlecht: Grundlagen und Perspektiven der Sozialen Marktwirtschaft. Tübingen: Mohr, 1990. - ISBN 3-16-145684-X.
- {{Literatur
| Autor=[[Christian Watrin]] | Titel=The Principles of the Social Market Economy?Its Origins and Early History | Sammelwerk=[[Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft]] | Band=Band 135 | Jahr=1979 | Seiten=405?425
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- {{Literatur
| Autor=[[Hans Willgerodt]] | Titel=Wertvorstellungen und theoretische Grundlagen des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft | Herausgeber=Wolfram Fischer | Sammelwerk=Währungsreform und Soziale Marktwirtschaft. Erfahrungen und Perspektiven nach 40 Jahren | Verlag= | Ort=Berlin | Jahr=1989 | Seiten=
}}
- {{Literatur
| Autor=Joachim Zweynert | Titel=Die Soziale Marktwirtschaft als politische Integrationsformel | Herausgeber= | Sammelwerk= | Verlag= | Ort= | Jahr=2008 | Seiten=334 | DOI=10.1007/s10273-008-0800-z
}}
Wirtschaftsgeschichte
- {{Literatur
| Autor=[[Werner Abelshauser]] | Titel=Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 | Verlag=C.H. Beck | Ort=München | Jahr=2004 | ISBN=3-406-51094-9
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- {{Literatur
| Autor=Michael von Prollius | Titel=Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945 | Verlag=UTB | Ort= | Jahr=2006 | ISBN=978-3825227852
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- {{Literatur
| Autor=Knut Wolfgang Nörr | Titel=Die Republik der Wirtschaft: Von der sozial-liberalen Koalition bis zur Wiedervereinigung, Teil 2 | Verlag=Mohr Siebeck | Ort=Heidelberg | Jahr=2007 | ISBN=9783161494994
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Weblinks
- Definition aus Gablers Wirtschaftslexikon
- Uwe Andersen: [http://www.bpb.de/wissen/07366806922938336269163160936993,1,0,Soziale_MarktwirtschaftWirtschaftspolitik.html#art1 Soziale Marktwirtschaft/Wirtschaftspolitik]
- Heinz Grossekettler: Strategien zur Implementation und Stabilisierung einer Wirtschaftsordnung : das Beispiel der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. In: Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Münster (Hrsg.): Strategien zur Implementation und Stabilisierung einer Wirtschaftsordnung, abgelesen 09-04-19.
- Herbert Hax: ''Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik ? Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft''
- Michael von Prollius: ''Der Neoliberalismus der 30er Jahre: Wurzel der Sozialen Marktwirtschaft.''
- Richard Reichel: ''Soziale Marktwirtschaft, Sozialstaat und liberale Wirtschaftsordnung''
- Karl Georg Zinn: ''Soziale Marktwirtschaft. Idee, Entwicklung und Politik der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung''
- Der Spiegel: ''Soziale Marktwirtschaft ? Die Flucht nach vorn'', Artikel aus: Der Spiegel, Jg. 7, Nr. 37 vom 9. September 1953, S. 11?17
Einzelnachweise
ar:
arz:
Social market economy
eo:Sociala merkatekonomio
es:Economía social de mercado
Économie sociale de marché
hu:Szociális piacgazdaság
it:Economia sociale di mercato
no:Sosial markedsøkonomi
pl:Spo?eczna gospodarka rynkowa
pt:Economia social de mercado
ru:-
sk:Sociálne trhové hospodárstvo
zh: